Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
 

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Seminarbeschreibung

Im Zentrum des Seminars steht der Aufsatz "Fictional Names in Psychologistic Semantics" von Emar Maier, der 2017 in Theoretical Linguistics erschienen ist und eine Reihe von Erwiderungen nach sich gezogen hat. In diesem Aufsatz nimmt sich Maier das sogenannte semantische Paradoxon fiktionaler Namen vor: Wir sind in unserem Sprechen und Denken konsistent, wenn wir sowohl 

  • Harry Potter trägt eine Brille.

als auch

  • Harry Potter existiert nicht..

ernsthaft äußern und akzeptieren, obwohl sich "Harry Potter" im ersten Satz auf ein Individuum zu beziehen scheint, der zweite Satz aber entweder diesem vermeintlichen Bezugsobjekt die Existenz abspricht oder gar ausdrückt, dass "Harry Potter" kein Bezugsobjekt hat. Die Frage ist nun, wie das möglich ist. Genauer: Wie interpretieren wir die obigen Sätze, und welche Einstellung nehmen wir zu ihren Gehalten ein, sodass wir uns nicht in Widersprüche im Sprechen und Denken verstricken? Maier gibt auf diese Frage eine pragmatisch anti-realistische Antwort: Er nimmt erstens an, dass wir nur mit dem zweiten Satz ernsthaft etwas behaupten, während wir mit dem ersten Satz vorschreiben, etwas zu imaginieren, und versucht zweitens zu zeigen, dass eine angemessene Verarbeitung dieser Sprechakte durchaus einen konsistenten mentalen Zustand nach sich zieht. 

Maiers Text ist recht voraussetzungsreich. Zu Beginn des Seminars werden wir den Text einmal vollständig lesen und gemeinsam entscheiden, welche Hintergründe zusammen erarbeitet werden sollen, wobei es auf den Kenntnisstand sowie das Interesse der Teilnehmenden ankommt (z.B. Waltons Theorie des So-Tun-Als-Ob, DRT, psychologistische Semantik, wahrheitskonditionale Semantik, mental files, philosophisch-semantische Ansätze zur Behandlung fiktionaler Namen ...). Anschließend werden wir Maiers Text einer intensiveren Lektüre unterziehen. Im dritten Teil des Seminars werden wir uns schließlich einige der Erwiderungen auf Maiers Text anschauen.

Literaturangaben

Maier, E. (2017). "Fictional Names in Psychologistic Semantics". Theoretical Linguistics 43, 1-45.

Aloni, M. (2017). "On the Model-Theoretic Interpretation of a Mental State". Theoretical Linguistics 43, 47-51.
Geurts, B. (2017). "Fictional Commitments". Theoretical Linguistics 43, 53-60.
Ninan, D. (2017). "Names in Fiction". Theoretical Linguistics 43, 61-70.
Rami, D. & T. E. Zimmermann (2017). "Imagination, Psychologistic Semantics, and the Paradox of Fictional Names". Theoretical Linguistics 43, 71-80.
Recanati, F. (2017). "Fictitious Anchors". Theoretical Linguistics 43, 81-93.
Zucchi, S. (2017). "Games of Make-Believe and Factual Information". Theoretical Linguistics 43, 95-101.
Maier, E. (2017). "More on Fictional Names and Psychologistic Semantics: Replies to Comments". Theoretical Linguistics 43, 103-120.

 

Seminarablauf

Einführung

In der Einführungssitzung haben wir uns ein paar sehr kurze Geschichten angeschaut (aus dem Buch: Paul, C. (Hrsg.'in) (2016). Überraschung! Die besten Sekundenstorys. Insel Verlag) und überprüft, welche Eigennamen in ihnen vorkommen und wie diese eingeführt werden. Wir haben zwei verschiedene Arten von Eigennamen entdeckt (fiktionale vs. nicht-fiktionale) und zwei Weisen, Eigennamen einzuführen (einfach so vs. explizite Benennung eines zuvor in allgemeiner Weise beschriebenen Subjekts). [Kleine Hausaufgabe: Daraus ergeben sich vier Kombinationsmöglichkeiten. Schreibe eine Sekundenstory für jede dieser Möglichkeiten!] Eine Formulierung, die gefallen ist, sollten wir uns merken: "Einen Eigennamen zu verwenden, setzt voraus, dass man versteht, wer das [der*die Benannte] ist."

Außerdem haben wir uns den Seminarplan angeschaut und sind meine Lehrziele sowie meine und eure Lernziele durchgegangen.

Hier sind meine Lehrziele für dieses Seminar

  • Ich möchte euch einen aktuellen Forschungstext, der viele philosophische und linguistische Überlegungen enthält, in forschender Haltung näher bringen. Dazu gehört, dass wir uns in Bezug auf Hintergründe und Voraussetzungen auf den Stand des Textes bringen; den Text selbst genau unter die Lupe nehmen, indem wir ihn in seiner Gesamtheit und in möglichst vielen Einzelheiten verstehen und darüber ins Nachdenken kommen, welche Lücken und Schwachstellen der Text hat; und den Text diskutieren, indem wir sowohl Erwiderungen auf den Text nachvollziehen und prüfen und ggf. eigene Einwände und weiterführunde Forschungsfragen formulieren. 
  • Ich möchte euch dabei helfen, ins Schreiben zu kommen und das Feedback eurer Kommiliton*innen zu nutzen.

Eure Lenziele haben wir an der Tafel gesammelt (die wichtigsten Lernziele habe ich farbig markiert; gleiche Farbe bedeutet Zusammengehörigkeit):

Ich bitte euch, euer ganz persönliches, wichtigstes Lernziel auszuformulieren und darauf zu achten, ob ihr euch diesem im Verlauf des Semesters nähert oder, falls nicht, wie ihr selbst, wir gemeinsam oder ich dem entgegensteuern könnten.

Schließlich haben wir noch die Anforderungen fürs Erbringen der Studienleistung besprochen.

 

Voraussetzungen

Wir haben die Grundfrage des Maier-Textes besprochen: Wie verstehen wir fiktionale Namen, in einem kognitiv-psychologischen Sinn von "verstehen"? Insbesondere haben wir zwei Probleme in den Fokus gerückt und versucht, die theoretische Brisanz dieser Probleme zu verstehen:

  1. Das Problem der vermeintlichen Inkonsistenz im Sprechen und Denken über Fiktion
  2. Das Problem der unvorbereiteten Einführung fiktionaler Namen

Dann haben wir eine kleine Begriffssammlung erstellt: Welche Begriffe sind euch beim Lesen unklar geblieben? Genannt wurden u.A. die Begriffe "de re", "de dicto" und "de se"; "doxastic attitudes", "nondoxastic attitudes" und "buletic attitudes"; und "DRT". Wir haben diese Begriffe besprochen und sind zum Schluss dieser Einheit näher darauf eingegangen, welche Art von Theorie in Bezug auf unser fiktionales Sprechen und Denken letztlich entwickelt. Dabei haben wir unterschieden zwischen folgenen Familien von Theorien und besprochen, was diese Familien jeweils auszeichnet:

  • Semantischer Realismus
  • Semantischer Anti-Realimus
  • Pragmatischer Realismus
  • Pragmatischer Anti-Realismus

Wir haben Maiers Vorschlag im Bereich des pragmatischen Anti-Realismus verortet, ohne jedoch genau zu klären, was Maiers Vorschlag zu einer solchen Theorie macht oder wie er sich in Bezug auf die semantische Frage verhält. Beides wollen wir im weiteren Verlauf des Seminars untersuchen.

Schließlich haben wir festgelegt, womit wir weitermachen wollen. Entschieden haben wir uns für:

  • Kripkes sprachphilosophisch/semantische Voraussetzungen in Bezug auf Eigennamen
  • Geurts' pragmatische Voraussetzungen in Bezug auf die Verwendung von Eigennamen
  • Waltons pragmatische Voraussetzungen in Bezug auf fiktionale Rede

 

Kripkes Sprachphilosophie

Wir haben angefangen, die Hintergründe des Maier-Textes aufzuarrbeiten. Zuerst war Kripkes Sprachphilosophie an der Reihe. Empfohlene Lektüre sind die ersten beiden Vorlesungen von Kripkes Naming and Necessity (1980; deutsch: Name und Notwendigkeit). 

Zuerst haben wir euer Vorwissen und eure Intuitionen in Bezug auf Eigennamen gesammelt. Dabei hat sich ein intuitives Bild ergeben, nach dem sich Eigennamen von (definiten) Kennzeichnungen unterscheiden lassen. Während Eigennamen sich auf ein Objekt beziehen, dieses aber nicht (näher) beschreiben, sind Kennzeichnungen durchaus beschreibend, haben  aber nicht unbedingt ein Bezugsobjekt. Diese Sichtweise führt aber zu einigen Problemen, weswegen es Gründe zu geben scheint, die These, dass Eigennamen nicht beschreiben, aufzugeben, und Eigennamen damit als (synonym zu) Kennzeichnungen aufzufassen. Diesen Deskriptivismus in Bezug auf Eigennamen nennt Kripke in N&N das Frege-Russell-Bild (nach G. Frege und B. Russell, deren Überlegungen in diese Richtung gehen).

Kripke hält das Frege-Russell-Bild für fundamental falsch. Warum er so denkt, haben wir anhand des folgenden Bildes nachvollzogen.

(Ich habe zwei Kleinigkeiten am Bild geändert. Erkennt ihr, was es ist und kommt darauf, warum ich das Bild so verändert habe?)

Wichtig für unsere Zwecke ist vor allem, dass Kripke Eigennamen die beschreibende Komponente wieder abspricht und meint, dass Eigennamen ein anderes modales Profil haben als Kennzeichnungen. Eigennamen sind starre Bezeichner; das heißt, grob gesagt, sie beziehen sich in jeder möglichen Welt auf dasselbe Objekt. Kennzeichnungen hingegen sind flexible Bezeichner; das heißt, sie können sich in verschiedenen möglichen Welten durchaus auf verschiedene Objekte beziehen.

 

Friend: The Great Beetle Debate

Wir haben uns mit dem Text „The Great Beetle Debate: A Study in Imagining with Names“ von Stacie Friend beschäftigt. Dieser Text hat es ganz schön in sich, aber wir haben ihn uns Stück für Stück erschlossen.

Es geht im Text um zwei Sätze. Im Kontext einer Unterhaltung über Die Verwandlung von Kafka äußert Person A den Satz:

(1) Gregor Samsa hat sich in einen Käfer verwandelt.

Person B widerspricht und äußert den Satz:

(2) Gregor Samsa hat sich in eine Kakerlake verwandelt.

Die Preisfrage ist nun, worin sich A und B eigentlich uneinig sind. Sie können sich nicht wirklich in Bezug auf Gregor Samsa uneinig sein darüber, ob er sich in einen Käfer oder eine Kakerlake verwandelt hat. Denn Gregor Samsa gibt es nicht — und das wissen A und B auch.

Trotzdem besteht eine Gleichgerichtetheit der Äußerungen von A und B. Beide sprechen über dasselbe — obwohl es nichts gibt, worüber A und B sprechen. Wie ist das zu erklären? Was sagen A und B, sodass sie einander in Bezug auf Die Verwandlung widersprechen — also A annimmt, dass As Äußerung wahr ist und Bs falsch, und B annimmt, dass Bs Äußerung wahr ist und As falsch —, indem sie beide in einem ontologisch nicht-verpflichtenden Sinn über Gregor reden, obwohl es gar keinen Gregor gibt und beide das wissen. Darum geht es in Friends Text.

Friend geht davon aus, dass fiktionale Sätze, also Sätze, wie sie in Die Verwandlung selbst stehen, gar keine (von Kafka gemachten) Behauptungen sind, sondern Imaginationsvorschriften — also so etwas wie Befehle. Der erste Satz von Die Verwandlung lautet:

(3) Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Damit wird vorgeschrieben, sich etwas vorzustellen. Wenn es aber um die Frage geht, was sich Leser*innen durch das Lesen von (3) vorstellen sollen, bleibt Referentialist*innen — zumindest solchen, die eine pragmatische Anreicherung dessen, was sich vorgestellt werden soll, ablehnen — nur, zu sagen, dass es die Proposition ist, die (3) semantisch ausdrückt. Das ist eine lückenhafte (gappy) Proposition, nämlich (etwas vereinfacht):

(4) <LÜCKE, Ungeziefer-Sein>

Jedoch drückt auch der Satz

(5) Als Grete Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. 

als Satz, wie er in Die Verwandlung vorkommen könnte, die Proposition (4) aus. Käme (5) allerdings in Die Verwandlung vor, wären wir offenbar angehalten, anders zu imaginieren als wir es tatsächlich durch das Lesen von (3) sind. Somit reicht der bloße semantische (referentialistische) Gehalt eines fiktionalen Satzes wie (4) nicht aus, um zu spezifizieren, wie wir durch das Lesen von (4) imaginieren sollen. Wir brauchen also eine weitere Komponente, um die Imaginationsvorschrift zu spezifizieren — eine, die nicht aufgibt, dass (4) der referentialistische Gehalt von (3) im Kontext von Die Verwandlung ist, die aber gleichzeitig insbesondere spezifiziert, inwiefern es trotzdem richtig ist, zu sagen, dass unsere imaginative Aktivität als Imagination über Gregor angesehen werden kann, obwohl es Gregor gar nicht gibt. Um dies zu erreichen, schlägt Friend vor, nicht nur zu betrachten, was durch das Lesen von (3) imaginiert werden soll, sondern auch wie das, was imaginiert werden soll (also (4)), eigentlich imaginiert werden soll. Nur wer neben der Was?-Bedingung auch die Wie?-Bedingung erfüllt, imaginiert der Imaginationsvorschrift gemäß.

Friend rückt nun das Innenleben von Imaginierer*innen in den Fokus. Was passiert eigentlich „im Kopf“, wenn ein*e Leser*in (3) liest mit der Intention, der Imaginationsvorschrift zu folgen? Nun, er*sie nimmt eine bestimmte mentale Einstellung ein, die konstitutiv ist für Imagination, zu einem Imaginationsobjekt. Dieses Imaginationsobjekt nennt Friend Fancy. Es ist die mentale Repräsentation, die durch das Lesen von (3) in Leser*innen entsteht. Und diese wird eben nicht geglaubt oder hinterfragt oder gefürchtet oder was auch immer, sondern imaginiert. Die Fancy, die durch das Lesen von (3) im Kopf von Leser*innen entstehen soll, sieht so aus:

(6) <<Gregor-Begriff, Ungeziefer-Begriff>>

(6) selbst repräsentiert wiederum (4), genau wie schon (3). Aber wieso repräsentiert (6) (4)? Insbesondere: Was ist dieser Gregor-Begriff? Woher kommt er und wie sichert er seine Referenz? Außerdem: Inwiefern ist uns damit überhaupt geholfen? Schließlich repräsentiert 

(7) <<Greta-Begriff,Ungeziefer-Begriff>>

ebenfalls (4). 

Letzteres ist kein Problem. Mit (6) wird zwischen (3) und (4) eine weitere vermittelnde Repräsentationsebene geschaltet: die Ebene der mentalen Repräsentation. Diese Repräsentationsebene legt fest, wie wir uns (4) durch das Lesen von (3) vorstellen sollen. Und unser hypothetischer Die-Verwandlung-Satz, (5), schreibt uns vor, (4) anders zu imaginieren, nämlich auf die Weise, die (7) spezifiziert. Dadurch gibt es eine Änderung in der Imaginationsvorschrift zwischen (3) und (5). Das Was? bleibt zwar dasselbe; das Wie? ändert sich jedoch. Und mehr, so Friend, brauchen wir nicht.

Bleibt noch die Frage, was es mit dem Gregor-Begriff auf sich hat. Der Gregor-Begriff ist das (mentale) Label eines (mentalen) Gregor-Ordners. Im persönlichen mentalen Gregor-Ordner sammelt ein*e Leser*in die Beschreibungen, die er*sie mit Gregor assoziiert. Während eine Leserin vielleicht die Beschreibungen ist eine Romanfigur von Kafka, hat sich in ein Ungeziefer verwandelt und ist ein Handelsreisender mental in ihrem Gregor-Ordner abgeheftet hat, hat ein anderer Leser vielleicht die Beschreibungen ist ein Gewürzhändler, hat sich in eine Kellerassel verwandelt und ist irgendsoeine Romanfigur, wegen der ich meine Abiprüfung verhauen habe in seinem Gregor-Hefter abgeheftet. Nichtsdestotrotz sind beide Gregor-Ordner Gregor-Ordner — und das liegt daran, dass sie beide mental mit dem intersubjektiven Gregor-Begriff gelabelt wurden. Diesen Gregor-Begriff teilen Leser*innen, falls sie Teil desselben Gregor-Begriffsnetzwerks sind. 

Normalerweise läuft die Sache so. Wir nehmen an, dass es ein Individuum i gibt, worüber von Personen gesprochen wird. Es entsteht durch das Vorhandensein von i ein i-Begriff. Entweder ist i die Ursache des i-Begriffs selbst oder die Ursache der in den i-Ordnern abgehefteten Beschreibungen. Der i-Begriff wiederum wird weitergetragen und so entsteht ein i-Begriffsnetzwerk. Wer über den i-Begriff verfügt, ist Teil des i-Begriffsnetzwerks (und umgekehrt); und wer den i-Begriff im Denken oder Sprechen aktiviert, denkt oder spricht über i, weil i in einem der obigen Sinne die Wurzel des i-Begriffsnetzwerks ist. 

Im Fall des Gregor-Begriffs gibt es jedoch einen gewichtigen Unterschied. Das Gregor-Begriffsnetzwerk hat keine Wurzel! Wenn wir die Kausalgeschichte des Gregor-Begriff zurückverfolgen, dann landen wir nicht irgendwann bei einer ersten Person oder Personenmenge, die tatsächlich über Gregor spricht, und damit letztlich bei Gregor selbst; wir landen stattdessen bei Kafka, der das Gregor-Begriffsnetzwerk zwar initiiert hat — aber nicht, indem er tatsächlich über Gregor gesprochen hat. Wir enden in einer Sackgasse.

Das ist im Moment noch ein ungelöstes Problem. Wir wollen aber festhalten, was wir haben: wir haben einen Gregor-Begriff; das ist der Begriff, über den Personen verfügen, und mit dem sie insbesondere ihre persönlichen Gregor-Ordner labeln, die Teil des Gregor-Begriffsnetzwerks sind; dieses Begriffsnetzwerk wurde von Kafka initiiert. Es ist also alles im Wesentlichen genauso wie für „normale“ (nicht-fiktionale) Eigennamen — mit einer Ausnahme: Es gibt keinen Gregor, der die Rolle der Wurzel des Gregor-Netzwerkes übernehmen könnte.

Durch das Lesen von Satz (3) in Die Verwandlung sollen Leser*innen sich also die lückenhafte Proposition (4) auf die Weise (6) vorstellen. Alle Leser*innen von Die Verwandlung stellen sich dabei in einem ontologischen nicht-verpflichtenden Sinn etwas über Gregor vor — und nicht etwa etwas über Grete —, da über die Vorstellungsweise (6) der Gregor-Begriff aktiviert werden soll — und nicht der Grete-Begriff. Man kann dieses Bild natürlich noch verfeinern und mit weiteren theoretischen Ressourcen anreichern — Friend macht das auch; für uns soll es soweit aber erst einmal reichen. Hier ist noch ein Bild, das die obigen Erklärungen zusammenfasst:

Es bleibt allerdings noch die Frage nach den Sätzen (1) und (2), wenn diese im Kontext einer Unterhaltung über Die Verwandlung geäußert werden, und somit nicht als fiktionale Sätze in Die Verwandlung selbst vorkommen. Wir können die Sätze (1) und (2), geäußert im Kontext einer Unterhaltung über Die Verwandlung nach Recanati als parafiktionale Sätze bezeichnen. Im Gegensatz zu fiktionalen Sätzen sollten parafiktionale Sätze durchaus als wahr oder falsch angenommen werden. Schließlich widersprechen sich Person A und Person B in unserem Ausgangsszenario. Als parafiktionale Sätze treffen (1) und (2) Aussagen über die Imaginationen, die Die Verwandlung vorschreibt. Person A hat recht, falls Die Verwandlung Leser*innen vorschreibt, sich die lückenhafte Proposition 

(8) <LÜCKE, Käfer-Sein>

auf die Weise

(9) <<Gregor-Begriff, Käfer-Begriff>>

vorzustellen; und Person hat recht, falls Die Verwandlung Leser*innen vorschreibt, sich die lückenhafte Proposition

(10) <LÜCKE, Kakerlake-Sein>

auf die Weise

(11) <<Gregor-Begriff, Kakerlaken-Begriff>> 

vorzustellen. Wichtig ist, dass die bloße Tatsache, dass sich A und B widersprechen, auch nur mithilfe der verschiedenen vorzustellenden lückenhaften Propositionen erklärbar wäre; wir wollen aber nicht nur erklären, wie es sein kann, dass A und B einander überhaupt widersprechen, sondern insbesondere, wie es sein kann, dass sich A und B uneinig sind, was Gregor angeht — obwohl es Gregor nicht gibt. Dies wird über den Umweg der Fancys (9) und (11), die die Rolle der Vorstellungsweisen spielen, erreicht.