Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
 
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Wichtige Infos:

  • Das Seminar findet am 25.5. und am 15.6. nicht statt. Die Termine werden werden am 28.5. bzw. 25.6. nachgeholt, jeweils von 16:00 bis 17:30 Uhr und in C01-148.
  • Die Texte der Runde 1 wurden an die Gutachter*innen verschickt. Ich erwarte die Gutachten bis zum 25.5.

 

Seminarbeschreibung

Wir sprechen von virtueller Realität. Aber ist das, was wir beim Tragen einer VR-Brille erleben, wirklich real? Oder ist es nur imaginär und illusorisch? Das sind spannende metaphysische Fragen -- um die es uns im Seminar jedoch nicht in erster Linie gehen wird. Stattdessen werden uns folgende Fragen beschäftigen: Falls es sich bei einer virtuellen Realität tatsächlich um eine Form der Realität handelt, was bedeutet das für unser Sprechen und Denken innerhalb einer solchen? Andererseits, falls virtuelle Realitäten nicht real sind, ändert das auch unseren sprachlichen und gedanklichen Zugang zu ihnen? 

Nehmen wir z.B. Eigennamen. Wir wollen annehmen, dass sich Eigennamen in der (nicht-virtuellen) Realität einfach so auf Individuen beziehen. Dann können wir fragen: Beziehen sich Eigennamen auch in einer virtuellen Realität einfach so auf (virtuelle) Individuen? Oder funktioniert der Mechanismus der Bezugnahme durch Eigennamen innerhalb einer virtuellen Realität grundsätzlich anders als in der nicht-virtuellen Realität? Und macht für diesen Mechanismus überhaupt einen Unterschied, ob eine virtuelle Realität real ist oder nicht? 

Solchen und weiteren Fragen werden wir uns nähern, indem wir (hauptsächlich englischsprachige) Texte intensiv lesen und diskutieren. Da es sich primär um Texte zu allgemeineren Fragen aus den Bereichen (philosophische) Semantik, Metaphysik und Linguistik handelt, werden wir aber auch viel Nachdenken müssen, um die darin gegebenen Antworten auf unsere Fragen anwenden zu können. Wir werden also gemeinsam eine forschende Einstellung einnehmen. Das bedeutet allerdings, wie für jede Forschung, dass unsere Anstrengungen hier und da durchaus ins Leere laufen können. Das Seminar setzt also nicht nur Durchhaltevermögen, sondern auch eine gewisse Frustrationstoleranz voraus.

 

Seminarablauf

Einführung

In der Einführungssitzung haben wir folgendes Szenario besprochen und versucht, einem sprachphilosophischen Problem auf die Spur zu kommen:

Wir haben über eure Intuitionen in Bezug auf dieses Szenario/Problem gesprochen und sind dabei schon auf einige interessante Anhaltspunkte für unser weiteres Vorgehen gestoßen. Insbesondere habt ihr die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Realität scharf vom Als-Ob zu trennen, und die Virtualität dann entweder als Teil des Als-Ob oder als eine Verbindung zwischen Realität und Als-Ob herstellend zu denken. Ist Virtualität nicht vielleicht doch eher Teil der Realität und demnach nicht untrennbar mit dem Als-Ob verbunden? Und falls das so ist, welche Auswirkungen hat das dann auf unseren sprachlichen Zugang zur Virtualität? Wenn wir z.B. den Satz "Da ist ein Pummeluff" betrachten, könnte man sagen, dass dieser mehrdeutig ist oder verschiedene Inhalte relativ zu verschiedenen Kontexten (Realität/Als-Ob/Virtualität) ausdrückt. Falls das so ist, was drückt er relativ zur Realität aus? (Euer Vorschlag: Dasselbe wie "Da sind Bildpunkte, die ein Pummeluff darstellen sollen.") Relativ zum Als-Ob? (Euer Vorschlag: Dasselbe wie "Da ist ein Exemplar der Tierart Pummeluff.") Relativ zur Virtualität? (Euer Vorschlag: Dasselbe wie "Da ist ein virtuelles Pummeluff.") Doch mit Blick auf die von euch gestellte Frage könnte man weiter fragen: Sind all diese Kontexte überhaupt (gleichermaßen) relevant? Welcher Kontext ist grundlegend? Wie hängen die verschiedenen Kontext-abhängigen Inhalte zusammen? Das sind Fragen, die uns in diesem Seminar beschäftigen werden.

Außerdem haben wir über meine Lehrziele für dieses Seminar gesprochen. Diese lauten:

  • Ich möchte euch in Bezug auf den Zusammenhang von Sprache und Realität (und Nicht-Realität) zum Nachdenken bringen und euch ein sprachphilosophisches Problemverständnis vermitteln.
  • Ich möchte euch eine forschende Haltung einnehmen lassen, sodass ihr problemorientiert und mit der Hilfe von Texten eigene Fragen, Ideen und Lösungsansätze entwickeln könnt.
  • Ich möchte euch dabei helfen, ins Schreiben zu kommen und das Feedback eurer Kommiliton*innen zu nutzen.

Mein drittes Lehrziel geht Hand in Hand mit den Anforderungen ans Erbringen der Studienleistung.

Neben meinen Lerhzielen gibt es auch meine und eure Lernziele, die wir uns im Verlauf des Semesters immer in Erinnerung rufen sollten. Ich selbst möchte gerne systematisch und verständlich erklären, woran ich arbeite, und dabei eure Fragen und Ideen für die Weiterentwicklung meiner Thesen nutzen. Eure Lernziele haben wir an der Tafel gesammelt:

Ich bitte euch, euer ganz persönliches, wichtigstes Lernziel auszuformulieren und darauf zu achten, ob ihr euch diesem im Verlauf des Semesters nähert oder, falls nicht, wie ihr selbst, wir gemeinsam oder ich dem entgegensteuern könnten.

Zuerst besprechen wir den Text "The Virtual and the Real" von David Chalmers. Der Text enthält viel, was für uns nicht unmittelbar relevant ist. Wir können uns aber fokussierter unserem Forschungsgegenstand widmen, wenn wir wissen, was nicht dazu gehört. Andererseits enthält der Text Stellen, die sehr relevant für uns sind. Versucht doch bitte, diese zu finden.

 

Chalmers

Im Text "The Virtual and the Real" vertritt Chalmers die ontologische These, dass virtuelle Gegenstände existieren (= virtueller Realismus) und die metaphysische These, dass virtuelle Gegenstände digitale Gegenstände sind (= virtueller Digitalismus). Auf ontologischer Ebene wendet er sich damit gegen den virtuellen Fiktionalismus, demzufolge virtuelle Gegenstände nicht real, sondern fiktional sind und damit denselben ontologischen Status haben wie (andere) fiktionale Gegenstände (z.B. aus Romanen oder Filmen).

Wir haben Chalmers' virtuellen Digitalismus nachgezeichnet und versucht, die dahinterstehende Metaphysik zu verstehen. Es ging um die Fragen, was digitale Gegenstände denn nun genau sind, welche (virtuellen) Eigenschaften sie haben und wie sie uns in virtuellen und nicht-virtuellen Umgebungen kognitiv und perzeptuell zugänglich sind. Insbesondere hat uns jedoch die Frage beschäftigt, welchen sprachlichen Zugang wir zu digitalen Gegenständen haben.

Dazu haben wir uns den Satz "Der Tisch ist eckig" angeschaut. Was bedeutet dieser Satz, geäußert von einer Sprecherin, die erfahren ist mit virtuellen Umgebungen, im Gegensatz zu einer Sprecherin, die nicht weiß, dass sie sich in einer virtuellen Umgebung befindet? Die erfahrene Sprecherin scheint zu sagen, dass ein bestimmter virtueller Tisch die Eigenschaft der virtuellen Eckigkeit hat; und das ist wahr. Die unerfahrene Sprecherin scheint jedoch zu sagen, dass ein bestimmter nicht-virtueller Tisch die Eigenschaft der nicht-virtuellen Eckigkeit hat; und das ist entweder falsch oder weder wahr noch falsch, auf jeden Fall aber nicht wahr. Wir haben uns schon ein wenig darüber ausgetauscht, was "Tisch" für ein Wort sein könnte (oder sind es mehrere Wörter, die gleich aussehen und klingen?), sodass dieser Bedeutungsunterschied zustande kommt. Darum soll es auch unter anderem im weiteren Verlauf des Seminars gehen.

In der nächsten Sitzung haben wir unser Verständnis des virtuellen Digitalismus noch einmal auf die Probe gestellt und versucht, Chalmers' Ansatz bildhaft darzustellen. Anschließend sind wir noch einmal auf unser sprachliches Problem eingegangen. Diesmal haben wir uns den Satz "Das ist ein Tisch" angeschaut. Geäußert von einer erfahreren VR-Nutzerin ist dieser Satz synonym zum Satz "Das ist ein virtueller Tisch"; und dieser Satz ist wahr genau dann, wenn ein bestimmtes digitales Objekt eine bestimmte Eigenschaft hat, nämlich virtuell tischartig zu sein, wobei sich virtuelle Tischartigkeit aus vielen weiteren virtuellen Eigenschaften zusammensetzt. Dagegen sagt eine normale Sprecherin in einer nicht-virtuellen Umgebung (das ist ein neuer Fall!), wenn sie "Das ist ein Tisch" sagt, etwas, das wahr ist genau dann, wenn ein bestimmtes nicht-digitales Objekt eine bestimmte andere Eigenschaft hat, nämlich ganz normal tischartig zu sein, wobei sich normale Tischartigkeit ebenfalls aus vielen weiteren Eigenschaften zusammensetzt. Wir haben also festgestellt, dass es keinen fundamentalen Unterschied in Bezug auf die Ausdrucksart gibt zwischen dem Ausdruck "virtueller Tisch", wie ihn die erfahrene VR-Nutzerin in einer virtuellen Umgebung verwendet, und dem Ausdruck "Tisch", wie in einer normale Sprecherin in einer nicht-virtuellen Umgebung verwendet. Der einzige Unterschied besteht eben darin, dass sich der eine Ausdruck auf das virtuelle Objekt bezieht, das die relevanten virtuellen Eigenschaften besitzt, während sich der andere Ausdruck auf das nicht-virtuelle Objekt bezieht, das die relevanten nicht-virtuellen Eigenschaften besitzt.

Ich habe anschließend erst einmal behauptet, dass das womöglich für andere Arten von Ausdrücken anders ist, insbesondere für Wörter wie "Katze" oder "Wasser". (Was diese Ausdrücke auszeichnet, werden wir später noch sehen.) Wir haben ein wenig über diese Behauptung diskutiert, sind aber noch zu keinem sicheren Ergebnis darüber gekommen, was ein Wort wie "Katze" von einem Wort wie "Tisch" unterscheidet, und inwiefern diese Unterscheidung für unseren sprachlichen Zugang zu VR-Umgebungen relevant sein könnte.

Stattdessen haben wir uns erst einmal Eigennamen zugewendet und geschaut, ob wir für diesen Fall besser einen Unterschied deutlich machen können zwischen Eigennamen, wie sie in nicht-virtuellen Umgebungen verwendet werden und Eigennamen, wie sie in virtuellen Umgebungen verwendet werden. Dazu haben wir den Beispielsatz "Das ist Donald Trump" formuliert. Wenn eine Sprecherin diesen Satz in einer nicht-virtuellen Umgebung äußert, ist die Sache klar: Der Satz ist wahr genau dann, wenn die gesehene Person Donald Trump ist. In der Wahrheitsbedingung kommt also Donald Trump selbst vor; anders als im Tisch-Fall scheint es nicht darum zu gehen, welcher Gegenstand bestimmte Eigenschaften erfüllt. Doch was ist, wenn eine erfahrene VR-Nutzerin in einer virtuellen Umgebung "Das ist Donald Trump" sagt? Ist dieser Satz genau dann wahr, wenn ein bestimmter digitaler Gegenstand Donald Trump ist, analog zum Fall für den Eigennamen "Donald Trump" in einer nicht-virtuellen Umgebung? Falls ja, was soll das heißen, dass ein digitaler Gegenstand Donald Trump ist? Oder ist der Satz genau dann wahr, wenn ein bestimmter digitaler Gegenstand bestimmte virtuelle Eigenschaften hat, anolog zum Fall für den Ausdruck "(virtueller) Tisch" in einer virtuellen Umgebung? Falls ja, um welche Eigenschaften geht es hier, und warum unterscheidet sich das vom "normalen" Gebrauch von Eigennamen?

Eigennamen gehören zu den Lieblingsthemen von Sprachphilosoph*innen. Ihr habt euch ein wenig Einführung in die Sprachphilosophie gewünscht, weswegen wir etwas allgemeiner über Eigennamen gesprochen haben. Ausgehend von euren Intuitionen haben wir insbesondere Eigennamen von (definiten) Kennzeichnungen unterschieden. Während Eigennamen sich eindeutig auf Objekte beziehen, diese aber nicht (näher) beschreiben, sind Kennzeichnungen durchaus beschreibend, haben aber nicht unbedingt Bezugsobjekte. Diese Sichtweise führt aber zu einigen Problemen, weswegen es Gründe zu geben scheint, die These, dass Eigennamen nicht beschreiben, aufzugeben, und Eigennamen damit als (synonym zu) Kennzeichnungen aufzufassen. Diesen Deskriptivismus in Bezug auf Eigennamen nennt Kripke in Naming and Necessity das Frege-Russell-Bild (nach Frege und Russell, deren Überlegungen in diese Richtung gehen).

Kripke hält das Frege-Russell-Bild für fundamental falsch. Warum er so denkt, haben wir anhand des folgenden Bildes nachvollzogen.

(Ich habe eine Kleinigkeit am Bild geändert. Erkennt ihr, was es ist und kommt darauf, warum ich das Bild so verändert habe? Wir haben im Seminar kurz über den Grund gesprochen.)

Nächste Woche werden wir Kripkes Überlegungen zu Eigennamen weiter ergründen und auf Terme natürlicher Arten übertragen. Außerdem werden wir schauen, was das Ganze mit Chalmers' Virtualitäts-Konzeption zu tun haben könnte. Dafür sind die  Seiten 115 bis 129 sowie 156 bis 158 von Kripkes Naming and Necessity zu lesen. Schließlich soll es noch um die Frage gehen, inwiefern Fiktion unseren sprachlichen Zugang zur virtuellen Realität (doch) beeinflusst. Dafür sind in zur übernächsten Sitzung Teile von Kripkes Reference and Existence zu lesen.

 

Kripke

Wir haben uns mit Kripkes Ansicht zu Termen natürlicher Arten befasst und sind die Argumente, die wir in Bezug auf Eigennamen bereits kennengelernt haben, noch einmal für diese Ausdrücke durchgegangen. Terme natürlicher Arten, wie beispielsweise "Tiger", "Gold" oder "Wasser", sind, semantisch gesehen, nicht beschreibend. Nehmen wir z.B. den Ausdruck "Gold"; dieser bedeutet nicht dasselbe wie "was auch immer gelb-glänzend, selten und wertvoll ist; woraus Schmuckstücke und Münzen hergestellt werden; was als Wertanlange verwendet wird; usw." Das zeigen, Kripke zufolge, folgende Argumente:  

  • Die beiden semantischen Argumente
  • Das epistemische Argument
  • Das modale Argument

Diese Argumente haben wir, wieder anhand von Bildern, nachvollzogen.

Aber wie funktioniert der Ausdruck "Gold" dann, und warum funktioniert er so? Nun, Kripke zufolge bezieht sich "Gold" einfach auf das chemische Element mit dem Elementsymbol Au und der Ordnungszahl 79. "Gold" bezeichnet einfach diesen Stoff da, unabhängig von den Oberflächeneigenschaften, mit denen wir Gold vielleicht einigermaßen erfolgreich identifizieren können (gelb, glänzend, wertvoll ...). Das ist genau wie bei Eigennamen: "Donald Trump" bezeichnet einfach diesen Typen da, unabhängig von den Oberflächeneigenschaften, mit denen wir Donald Trump vielleicht einigermaßen erfolgreich identifizieren können (gelbe Haare, ständig am Twittern, Präsident der Vereinigten Staaten, ...). Wir müssen allerdings gar nicht wissen, dass Gold ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Au und der Ordnungszahl 79 ist; das liegt daran, dass sich "Gold" einfach auf diesen Stoff bezieht, weil ursprünglich einmal eine paradigmatische Instanz des Stoffes, mit den-und-den (möglicherweise unbekannten) essentiellen Eigenschaften, so genannt wurde: der Stoff, wie auch immer er beschaffen sein mag, von dem das da eine Instanz ist, heiße "Gold". So wurde die Referenz von Gold festgelegt; und diese Referenz ist letztlich alles, was semantisch relevant ist für den Ausdruck "Gold". Genauso verhält es sich auch mit allen anderen Termen natürlicher Arten, wie beispielsweise "Wasser" oder "Tiger". Wer eine sehr gut verständliche, systematische Darstellung dieser Zusammenhänge lesen möchte, sollte sich den Aufsatz "Paradigm Terms" von Christian Nimtz ansehen.

Wir haben vorerst festgehalten, dass Terme natürlicher Arten, wenn Kripke recht hat, völlig anders funktionieren als Ausdrücke wie "Tisch". "Tisch" ist kein Ausdruck einer natürlichen Art; und der Ausdruck scheint sehr wohl beschreibend zu sein. "Tisch" bezieht sich auf etwas, das so-und-so ist, und das nicht einfach so, sondern weil es so-und-so ist, d.h., weil der Ausdruck mit einer Beschreibung verbunden ist oder dasselbe bedeutet wie eine Beschreibung, z.B.: "was auch immer ein Möbelstück zum Arbeiten oder Essen ist, und aus einer waagerechten Platte und Standbeinen besteht, auf der die Platte angebracht ist." Chalmers arbeitet vor allem mit Begriffen wie "Tisch", wenn er seinen virtuellen Digitalismus erläutert. Was unseren sprachlichen Zugang zu virtuellen Umgebungen angeht, ist zu überprüfen, was es eigentlich heißt, in einer virtuellen Umgebung "Das ist Gold" oder "Das ist ein Tiger" zu sagen. Bei "Das ist ein Tisch" ist die Sache einigermaßen klar. Geäußert von einer VR-Nutzerin in einer VR-Umgebung ist dieser Satz genau dann wahr, wenn ein bestimmtes digitales Objekt bestimmte Eigenschaften hat, nämlich ein virtuelles Möbelstück zum virtuellen Arbeiten oder virtuellen Essen zu sein, das aus einer virtuellen waagerechten Platte und virtuellen Standbeinen virtuell besteht, auf der die virtuelle Platte vituell angebracht ist. Und wenn eine Nicht-VR-Nutzerin in einer normalen Umgebung "Dies ist ein Goldbarren" sagt, ist die Sache ebenfalls klar; denn dieser Satz ist genau dann wahr, wenn ein bestimmtes Objekt eben aus Gold besteht, Punkt. Wenn nun aber eine VR-Nutzerin in einer VR-Umgebung "Dies ist ein Goldbarren" sagt, ist es ganz und gar nicht so leicht, zu sagen, worin die Wahrheitsbedingung besteht.

Es geht aber noch eine Nummer schwieriger. Als Nächstes haben wir uns angeschaut, was Kripke eigentlich zu Ausdrücken wie "Einhorn" oder "Drache" zu sagen hat. Dem ersten Anschein nach ist es ja überhaupt kein Problem, in virtuellen Umgebungen Einhörnern, Drachen oder, wie in unserem Anfangsbeispiel, Pokémon zu begegnen und auch über diese nachzudenken und zu sprechen. Aber wie so oft gilt: Sobald man anfängt, darüber nachzudenken, gibt es doch so einige Schwierigkeiten.

Wir haben angefangen, uns Kripkes Intuitionen in Bezug auf Ausdrücke wie "Einhorn" zu nähern, indem wir ein kleines Experiment durchgeführt haben. Ihr solltet verschiedene Geschichten schreiben, wobei jede*r von euch eine Bedingung für die eigene Geschichte von mir bekommen hat. Diese lauteteten:

  • Bedingung 1: Schreibe eine Geschichte über eine tatsächlich existierende, aber außergewöhnliche und relativ unbekannte Tierart.
  • Bedingung 2: Schreibe eine Geschichte über eine ausgedachte Tierart und gebe ihr außergewöhnliche Eigenschaften und einen außergewöhnlichen Namen.
  • Bedingung 3: Schreibe eine Geschichte über eine ausgedachte Tierart, die aber die Oberflächeneigenschaften und den Namen einer tatsächlich existierenden Tierart besitzt.
  • Bedingung 4: Schreibe eine Geschichte über eine ganz normale, tatsächlich existierende Tierart, die aber außergewöhnliche Oberflächeneigenschaften und einen außergewöhnlichen Namen besitzt
  • Bedingung 5: Schreibe eine Geschichte über eine ganz normale, tatsächlich existierende Tierart, die ihre normalen Oberflächeneigenschaften und ihren normalen Namen besitzt.

Herausgekommen sind Geschichten über Kuhfische, Spiegeleiquallen, Glasfrösche (jeweils nach Bedingung 1), Squobwobbels (nach Bedingung 2), Mäuse (nach Bedingung 3), Amtas (nach Bedingung 4), und Dalmatiner (nach Bedingung 5). Euch wurde nicht gesagt, welche Bedingungen die anderen zu erfüllen hatten. Nachdem alle Geschichten vorgelesen wurden, wurdet ihr gefagt, in Bezug auf jede Tierart X, ob es möglich ist, dass Xe existieren?

Eure Intuitionen auf diese Frage waren sehr verschieden. Doch die kripkeanische Antwort ist eindeutig. Es ist möglich, dass Xe existieren, falls Xe tatsächlich existieren; ansonsten ist die Frage sinnlos, da die Situation, deren Möglichkeit überprüft werden soll, gar nicht eindeutig definiert ist. (Daher wäre es auch sinnlos, zu sagen, dass es unmöglich ist, dass Xe existieren.) In Reference and Existence (insbesondere Vorlesung 2) sagt uns Kripke nämlich, dass Ausdrücke wie "Einhorn" (wozu auch eure Ausdrücke "Squobwobbel" und "Maus" gehören) im Rahmen einer Geschichte im Wesentlichen genauso funktionieren wie z.B. "Tiger" in der Realität, also wie Terme natürlicher Arten. Der Ausdruck "Einhorn" ist ebenfalls nicht beschreibend, sondern bedeutet, wenn er überhaupt etwas bedeutet, auch nur die natürlich Art, auf die er sich bezieht. Nun bezieht sich "Einhorn" aber auf nichts, weil es keine paradigmatische Instanz der Art gibt, die so benannt wurde. Also ist "Einhorn" tatsächlich bedeutungslos. Man kann höchstens so tun, als bedeute "Einhorn" etwas; "Einhorn"  ist damit bloß ein (tatsächlich bedeutungsloser) Als-Ob-Term einer natürlichen Art. Dasselbe gilt für "Squobwobbel" und "Maus".

Nur in den Geschichten, in denen von tatsächlich existierenden Tierarten gesprochen wurde, "haben" wir die Tierarten, sodass wir sagen können, was relativ zu anderen möglichen Welt mit ihnen los wäre. Bleibt die Frage, wie wir eigentlich herausfinden können, ob eine Tierart tatsächlich existiert. Auch da waren eure Intuitionen verschieden, die kripkeanische Antwort ist aber wieder eindeutig. Wir müssen die Autorin einer Geschichte fragen, ob sie sich mit der Verwendung eines Ausdrucks in eine Kausalkette eingereiht hat, die mit der ursprünglichen Benennung der betreffenden Tierart beginnt, oder ob sie sich den Ausdruck ausgedacht hat. Darum war es in unserem Experiment auch geheim, wer über eine existierende Tierart geschrieben hat und wer nicht.

Nun haben wir also einen weiteren Problemfall: Sagt eine VR-Nutzerin in einer VR-Umgebung "Das ist ein Squobwobbel", unter welchen Bedingungen ist diese Aussage wahr? Intuitiv kann man das, genau wie im Tiger-Fall, wahrheitsgemäß in einer VR-Umgebung sagen. Aber bedeutet das, dass (Als-Ob-)Ausdrücke natürlicher Arten in VR-Umgebungen anders funktionieren als in normalen Umgebungen? Falls ja, inwiefern funktionieren sie anders, und warum? Funktionieren sie in VR-Umgebungen doch wie "Tisch", und, falls ja, was ist dafür verantwortlich? Das sind Fragen, um die es im weiteren Seminarverlauf gehen soll.