Auswahl der Befragten

Alle Befragten wurden zufällig für die Teilnahme an der diesjährigen Studie ausgewählt. Eine statistisches Zufallsauswahl ermöglicht die beste Stichprobenqualität, wovon daran anschließend auch die Gesamtqualität einer wissenschaftlichen Studie abhängt. Für eine solche zufällige Auswahl benötigt man eine vollständige Liste aller Personen, die theoretisch im Rahmen der Studie befragt werden könnten. In unserem Fall heißt das, von allen Personen, die in Deutschland leben. Dies ist der sogenannte „Ziehungsrahmen“.

Für Deutschland besteht der umfangreichste und vollständigste Ziehungsrahmen in den Melderegistern der Städte und Gemeinden. Diese stehen allerdings nicht öffentlich zur Verfügung: Nur Studien, die im öffentlichen Interesse liegen, so wie der European Social Survey, erlangen eine besondere Erlaubnis, die Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Melderegister vorzunehmen. Aus diesem Grund darf das Umfrageinstitut, in diesem Fall infas, Städte und Gemeinden bitten, unter den bei ihnen gemeldeten Personen eine Zufallsauswahl durchzuführen. Die Auswahl geschieht üblicherweise durch die Gemeinden selbst, die dabei einen bestimmten Zufallsalgorithmus anwenden. Die so ermittelten Personen werden zusammen mit einer Adressangabe an das Umfrageinstitut übermittelt, das im Gegenzug anfallende Gebühren begleicht.

Die so ermittelten Daten bilden die Grundlage für die Stichprobe und werden nur für diese eine Studie verwendet. Dabei wird streng auf die Einhaltung des Datenschutzes geachtet; die Daten verbleiben in dem Umfrageinstitut und werden nicht an Dritte, wie zum Beispiel an den wissenschaftlichen Auftraggeber der Studie, weitergegeben. Alle Adressdaten werden gelöscht, sobald sie für die Studie nicht mehr benötigt werden.

Benötigt werden die Adressdaten insbesondere für den Versand des Anschreibens mit der Einladung zur Studie und zur Organisation der Interviewdurchführung vor Ort durch die Interviewer. Außerdem wird mithilfe der Adressdaten ein Dankesschreiben versendet und Nachkontrollen durchgeführt, ob das Interview auch ordnungsgemäß stattgefunden hat.

Aufgrund dieses komplexen Ablaufs ist es für uns wichtig, dass ausgewählte Personen auch tatsächlich an der Studie teilnehmen. Nur die so ausgewählten Personen dürfen befragt werden und können leider nicht durch Nachbarn oder Familienmitglieder ersetzt werden. Andernfalls wird die wissenschaftliche Qualität der Studie gefährdet.

 

Was ist das Besondere an einer Zufallsauswahl?

Umfragen sind in der heutigen Zeit allgegenwärtig: Jeder kennt sie, viele haben selbst schon einmal teilgenommen. Wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einer Umfrage ausgewählt werden, ist dabei entscheidend für die Qualität der Studie. Das beste Vorgehen ist eine statistische Zufallsauswahl der Befragten, wie im Folgenden kurz erläutert wird.

Sie kennen das sicher: Viele Zeitschriften oder Seiten im Internet stellen ihren Leserinnen und Lesern Fragen zu den unterschiedlichsten Themen und veröffentlichen anschließend Ergebnisse wie „83% der Befragten waren der Meinung, dass…“. Hier ist die Auswahl der Befragten besonders problematisch: Es nehmen nur Personen teil, die die entsprechende Zeitschrift oder Webseite lesen. Damit kann aber niemals eine Aussage über alle Personen getroffen werden, die in Deutschland leben, sondern höchstens über die Leser dieser einen bestimmten Zeitschrift oder Homepage.

Andererseits wird in der Marktforschung häufig ein sogenanntes „Quoten“-Verfahren angewandt: Das Ziel ist es hierbei einen Teil der Bevölkerung so auszuwählen, dass dieser als Abbild der Bevölkerung betrachtet werden kann. Dafür wird eine große Menge an Personen befragt, üblicherweise etwa 1.000, die die sogenannte Stichprobe bilden. Es wird versucht, dass diese Stichprobe die Gesamtbevölkerung so gut wie möglich abbildet: Das heißt, dass gleich viele Männer und Frauen vorkommen, dass eine realistische Verteilung der Altersgruppen besteht, dass jede Altersgruppe vertreten ist und dass die Verteilung der Anteile der Personen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen in der Stichprobe denen in der Gesamtbevölkerung entsprechen.

Auch hier gibt es jedoch Probleme: Neben dem Geschlecht, dem Alter und der Bildung unterscheiden sich Menschen auf vielfältige Weise. Ein solches Quotenverfahren kann aber nur eine Handvoll von Merkmalen gleichzeitig berücksichtigen und kontrollieren. Durch diese Schwierigkeiten ist es daher nicht möglich, dass eine solche Stichprobe in jeder Hinsicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist.

Damit eine Stichprobe tatsächlich ein realistisches Abbild der Gesamtbevölkerung abbildet, wird in Studien wie dem ESS ein „Trick“ verwendet: Alle Befragte werden völlig zufällig ausgewählt. Der Zufall basiert hier auf Zufallszahlen, die im Computer durch einen Zufallsgenerator gebildet werden. Durch eine solche Zufallsauswahl ergibt sich automatisch, dass die Stichprobe gleich viele Männer wie Frauen enthält und dass alle Alters- und Bildungsgruppen in dem Maße vertreten sind, so wie sie tatsächlich in der Bevölkerung vorkommen. Gleichzeitig gilt dies hier auch für alle möglichen anderen Merkmale der Befragten. Durch dieses Verfahren ist die Stichprobe in jeder Hinsicht repräsentativ ist und nicht nur bezogen auf einige wenige Merkmale. Mit einer solchen, repräsentativen Stichprobe lässt sich nun zuverlässig ermitteln, welche Einstellungen und Meinungen in der deutschen Bevölkerung vertreten sind.

Es gibt noch einen weiteren großen Vorteil des Verfahrens der Zufallswahl: Eine Stichprobe stellt auch bei einer Zufallsauswahl immer nur einen Ausschnitt aller Personen in Deutschland dar. Das bedeutet, dass eine solche Stichprobe zwar sehr genau sein kann, aber sie wird nie perfekt die Grundgesamtheit abbilden. Es wird immer kleine Abweichungen vom exakten Wert in der Gesamtbevölkerung geben. Bei einer Zufallsauswahl kann hier allerdings die Mathematik helfen: Mit ihrer Hilfe lässt sich genau beziffern, wie groß der statistische Fehler ist, der bei einer Messung unter Verwendung einer solchen Stichprobe besteht. Bei Wahlumfragen etwa wird häufig auf diese statistische Fehlertoleranz hingewiesen: Bei der sogenannten „Sonntagsfrage“ („Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“) beträgt diese statistische Ungenauigkeit bei 1.000 Befragten etwa 3 Prozentpunkte. Diese Ungenauigkeit, die sich durch die Zufallsauswahl bei der Stichprobenziehung ergibt, wird bei statistischen Analysen im wissenschaftlichen Bereich immer berücksichtigt.