Niklas Luhmann gilt als einer der größten Soziologen des 20. Jahrhunderts weltweit. Seit 1968 hat er (als erster ihrer Professoren) bis zu seiner Emeritierung an der Universität Bielefeld gelehrt. Luhmann hat als herausragender soziologischer Theoretiker entscheidenden Anteil an der Wahrnehmung der Universität in der internationalen wissenschaftlichen wie außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit gehabt.
2005 haben die Fakultät für Soziologie und das Rektorat der Universität Bielefeld erstmals eine Niklas-Luhmann-Gastprofessur eingerichtet. Deren Intention ist es, international renommierte Sozialtheoretiker zu gewinnen, um Studierenden und einer größeren akademischen wie außerakademischen Öffentlichkeit die Gelegenheit zu bieten, maßgebliche und innovative Theorien unmittelbar kennen zu lernen.
Professor Gil Eyal von der Columbia University in New York wird im Sommersemester 2024 (Mai-Juni) der nächste Niklas-Luhmann-Gastprofessor sein. Gil Eyal ist Professor für Soziologie und Direktor des The Trust Collaboratory an der Columbia University. Zu seinen jüngsten Büchern gehören The Crisis of Expertise (Polity, 2019) und (mit Tom Medvetz, Herausgeber) The Oxford Handbook of Expertise and Democratic Politics (OUP 2023). Derzeit leitet er mehrere Forschungsprojekte, die sich mit den Vertrauensformen von Long-Covid-Patienten und von Menschen, die mit künstlicher Intelligenz interagieren, beschäftigen.
Gil Eyal wird ein Doktorandenseminar zum Thema "Trust an Mistrust in Science, Experts and Expert Systems" leiten. Am 26. Juni um 18:15 Uhr in X-E0-001 hält Gil Eyal seine Universitätsvorlesung zum Thema "Mistrust in Numbers: The Crisis of Expertise and the Nature of Trust.".
This seminar explores the growing skepticism toward scientific expertise—ranging from vaccines and climate change to artificial intelligence. Rather than simply asking why people distrust experts, the course examines how trust in science is formed, maintained, and sometimes eroded.
Through key social science readings and discussions of contemporary research, participants will critically analyze the relationship between experts and the public.
David Stark ist Niklas-Luhmann-Gastprofessor und erforscht als Soziologe an der Columbia University wirtschaftliche Innovations- und Bewertungsprozesse. Er leitet das Center on Organizational Innovation und nutzt vielfältige Forschungsmethoden.
Seine Arbeiten behandeln unter anderem den postsowjetischen Wandel und neue Kapitalismusformen. In "The Sense of Dissonance" zeigt er, wie Uneinigkeit über Werte Innovationen fördert. Er leitete ein Forschungsprojekt zu Diversität und Leistung, gefördert vom Europäischen Forschungsrat.
Karin Knorr Cetina ist O. Borchert Distinguished Service Professorin für Soziologie und Anthropologie an der University of Chicago und Co-PI eines Projekts zu Agentic Media an der Universität Siegen. Sie forscht zu Wissenschafts- und Technikstudien, Finanzsoziologie und Sozialtheorie. Zu ihren Werken zählen Epistemic Cultures(2003), Takeover by Science (2020) und Synthetic Markets (2023). Gemeinsam mit Urs Bruegger veröffentlichte sie Global Microstructures (2007), ausgezeichnet mit dem Theory Prize der ASA. Derzeit untersucht sie künstlich intelligente Wissenschaft und semi-autonome soziale Formen.
Auszeichnungen:
Niklas-Luhmann-Gastprofessur (2022), Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (2021), George-Sarton-Medaille (2019/20), Gutenberg Research Award (2017), Lifetime Achievement Award der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (2016).
Rudolf Stichweh war 2020/21 Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Aufgrund der Corona-Pandemie verschob sich sein geplanter Aufenthalt auf Herbst 2020. Er leitete das Promotionsseminar Inequality and Asymmetrical Dependency: A Global Perspective und hielt am 10. November 2021 eine Universitätsvorlesung zu Funktionale Differenzierung und Weltgesellschaft.
Stichweh ist Seniorprofessor für Soziologie am Forum Internationale Wissenschaft und am Bonn Center for Dependency and Slavery Studies (Exzellenzcluster) der Universität Bonn. Zudem leitet er die Abteilung Comparative Research on Democracies des Forum Internationale Wissenschaft.
Eva Illouz von der Hebrew University in Jerusalem ist in diesem Jahr Niklas-Luhmann-Gastprofessorin an der Fakultät für Soziologie in Bielefeld. Seit 2006 ist sie Professorin für Soziologie und Anthropologie. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Kultursoziologie, Emotionssoziologie, Kapitalismuskritik und feministische Theorie.
Während ihres Aufenthalts in Bielefeld (19. Juni – Juli, sowie zwei Wochen im Oktober) hält sie am 19. Juni (18 Uhr, H1) eine öffentliche Vorlesung: „What is Capitalist Subjectivity?“ Zudem leitet sie das Doktorandenseminar „The Paradoxes of Capitalism and Emotions“ an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS).
Chris Thornhill ist Professor für Recht an der University of Manchester. Seine Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Recht, Soziologie, Politik und Geschichte. Er ist führend in der Soziologie des Verfassungsrechts und der Demokratie und hat zahlreiche Werke veröffentlicht, die dieses Feld geprägt haben. Seine Arbeit untersucht die soziale Entstehung von Verfassungen und die Bedingungen demokratischer Legitimität, insbesondere in postautoritären und kolonial geprägten Gesellschaften. Zudem erforscht er das globale Rechtssystem und die Auswirkungen internationaler Normen.
Als Niklas-Luhmann-Gastprofessor hält er am 13. Juni eine öffentliche Vorlesung zu The Sociology of Law and Global Sociology.
Richard Münch war vom 28. November 2016 bis 5. Februar 2017 Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Fakultät für Soziologie und der BGHS. Er ist Emeritus für Soziologie an der Universität Bamberg und Seniorprofessor an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Seine Forschung reicht von Gesellschafts- und Handlungstheorie bis zur Analyse globaler Bildungs- und Wissenschaftsentwicklungen. Er publizierte zahlreiche Werke zu sozialem Wandel, Kommunikation, Globalisierung und akademischem Kapitalismus. Am 14. Dezember 2016 hielt er einen öffentlichen Vortrag zum internationalen Bildungswettbewerb. Zudem leitete er ein Graduiertenseminar zur Universität im akademischen Kapitalismus und ein Kolloquium zu Dissertationsprojekten.
Elena Esposito war von Dezember 2015 bis Januar 2016 Niklas-Luhmann-Gastprofessorin in Bielefeld. Sie ist Soziologieprofessorin an der Universität Modena-Reggio Emilia und promovierte in Bielefeld bei Niklas Luhmann. Gastprofessuren führten sie u. a. an die Columbia University, Meiji University und die Humboldt-Stiftung. Ihre Forschung basiert auf der Systemtheorie und behandelt soziale Zeitmanagementprozesse, Erinnerung, Vergessen, Mode, Finanzmärkte und Unsicherheit. Aktuelle Projekte befassen sich mit digitalem Vergessen, Algorithmenkommunikation und Rankings.
Am 9. Dezember hielt sie die Vorlesung Artificial Communication: The Production of Contingency by Algorithms und leitete ein Graduiertenseminar zur Systemtheorie sowie eine Masterclass für Promovierende.
Alejandro Portes war vom 4. Oktober bis 6. Dezember Niklas-Luhmann-Gastprofessor in Bielefeld. Er ist Soziologieprofessor in Princeton und Forschungsprofessor in Miami. Zudem gründete er das Center for Migration and Development in Princeton. Seine Forschung umfasst Migration, wirtschaftliche Soziologie und nationale Entwicklung. Er veröffentlichte 36 Bücher, darunter City on the Edge und Immigrant America. Aktuell untersucht er die Anpassung der zweiten Migrantengeneration, Institutionen und Migration im Gesundheitssystem.
Während seines Aufenthalts leitete er ein Seminar zur wirtschaftlichen Soziologie der Migration und hielt am 19. November eine öffentliche Vorlesung: Immigration, Transnationalism and Development: The State of the Question.
Yasemin Soysal promovierte in Soziologie an der Stanford University und war Assistenzprofessorin sowie John Loeb Associate Professor an der Harvard University. Heute lehrt sie an der Universität Essex. Ihre Forschung behandelt die Entwicklung von Nationalstaat und Staatsbürgerschaft in Europa. Derzeit arbeitet sie an zwei Projekten: einer vergleichenden Studie über das Konzept des „guten Bürgers“ in Europa und Ostasien sowie einer Untersuchung der Lebensverläufe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Spanien.
Sie war Gastprofessorin und Fellow an zahlreichen renommierten Institutionen und war Präsidentin der European Sociological Association.
Saskia Sassen ist Professorin für Soziologie an der Columbia University und Co-Vorsitzende des „Committee on Global Thought“. Ihre Forschung befasst sich mit Globalisierung, Städten und digitaler Transformation. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Das Paradox des Nationalen (Suhrkamp, 2008) und The Global City. Ihre Bücher wurden in 21 Sprachen übersetzt. Sie berät internationale Organisationen und schreibt regelmäßig für The Guardian, New York Times und Le Monde Diplomatique.
Während ihres Aufenthalts in Bielefeld hält sie ein wöchentliches Seminar an der BGHS und zwei öffentliche Vorträge:
Ulrich Oevermann übernimmt vom 1. Dezember 2009 bis 5. Februar 2010 die Niklas-Luhmann-Gastprofessur in Bielefeld. Er ist Emeritus der Universität Frankfurt/Main und zählt seit den 1960er-Jahren zu den bedeutendsten Soziologen Deutschlands.
Oevermann entwickelte die objektive Hermeneutik, eine Methode zur qualitativen Sozialforschung, die gesellschaftliche und sprachliche Selektivität rekonstruiert. Seine Forschung verbindet Soziolinguistik, Strukturalismus und Sozialtheorie. Zentral sind seine Konzepte von Routine und Krise für das Verständnis sozialer Dynamiken.
Während seines Aufenthalts hält er Lehrveranstaltungen und eine öffentliche Vorlesung.
Der diesjährige Inhaber der Niklas-Luhmann-Gastprofessur ist der Trierer Soziologe Alois Hahn. 1967 wurde er in Frankfurt am Main mit einer Arbeit über die soziale Bedingtheit von Einstellungen zu Tod und Sterben promoviert und habilitierte sich 1973 in Tübingen mit einer Arbeit über "Systeme des Bedeutungswissens". Seit 1974 ist er ordentlicher Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Trier und forscht und lehrt dort über ein breites Themenfeld. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in der Religions- und Kultursoziologie, der Thanatosoziologie und in der letzten Zeit auf Forschungen zu Inklusion und Exklusion.
Alois Hahn war Inhaber zahlreicher Gastprofessuren, unter anderem 1987/88 an der Ecole des Hautes Etudes in Paris und 2007 an der Université de Strasbourg. Im akamdemischen Jahr 2005/06 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
Das Arbeitsprogramm im Rahmen der Luhmann Gedächtnis Professur dreht sich um Überlegungen zur Vorgeschichte des sozialwissenschaftlichen Denkens.
Prof. Nils Brunsson hat den City of Stockholm Chair in Management an der Stockholm School of Economics inne. Er hat über 20 Bücher und zahlreiche Artikel über Organisationen veröffentlicht. Seine Forschung umfasst Entscheidungsprozesse, Verwaltungsreformen und Standardisierung. Aktuell beschäftigt er sich mit Regelsetzung und Regulierung. Sein neuestes Buch auf Englisch ist Mechanisms of Hope. Maintaining the dream of rationality in organizations.
Während seiner Zeit an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld leitet er jeden Dienstag von 10–13 Uhr (Raum T4-110) ein Graduiertenseminar zu „Institutionelle Aspekte von Organisationen“. Am 9. Mai hält er zudem eine öffentliche Vorlesung und veranstaltet einen Workshop zu seinem Buch Mechanisms of Hope.
Niklas-Luhmann-Gastprofessor 2022: Prof. John W. Meyer
Von 18. April bis 20. Juni wird Prof. John W. Meyer (Department of Sociology und International Studies Institute, Stanford University) als Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Universität Bielefeld sein.
John Meyer promovierte an der Columbia University, New York, lehrte dort mehrere Jahre und wurde später Professor für Soziologie an der Stanford University, wo er heute Emeritus ist.
Seine Forschung konzentriert sich auf die globale Verbreitung moderner Institutionen und deren Auswirkungen auf Nationalstaaten und Gesellschaften. Er untersucht insbesondere die Ausbreitung wissenschaftlicher Aktivität sowie die Standardisierung von Bildungssystemen. Meyer hat wichtige Beiträge zur Organisationstheorie (z. B. Organizational Environments, mit W. R. Scott, Sage 1983) und zur Soziologie der Bildung geleistet und die heute als Neoinstitutionalismus bekannte Denkrichtung mitentwickelt.
Seit den späten 1970er Jahren erforscht er den Einfluss der Weltgesellschaft auf Nationalstaaten (z. B. Institutional Structure, Sage 1987). Derzeit arbeitet er an einer Studie über die globale Wissenschaft und ihre Auswirkungen auf nationale Gesellschaften (Science in the Modern World Polity, Stanford 2003) sowie über den Aufstieg der weltweiten Menschenrechtsregime.
Während seiner Zeit an der Fakultät für Soziologie wird John W. Meyer ein wöchentliches Graduiertenseminar zu den Auswirkungen makrosoziokultureller Umweltbedingungen auf Gesellschaften, Organisationen und Individuenleiten. Zusätzlich hält er zwei öffentliche Vorträge am 26. April und 24. Mai.
Seminar: Soziologische Institutionentheorie
Öffentliche Vorträge
Die meisten Wissenschaftler forschen heute zu sehr speziellen, eng abgegrenzten Fragestellungen. Auch in der Soziologie fragen nur sehr wenige nach umfassenden und allgemeinen Zusammenhängen. Einer dieser wenigen ist Prof. Harrison C. White von der renommierten Columbia University in New York, der sich derzeit für zwei Monate als erster Niklas-Luhmann-Gastprofessor an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld aufhält. Harrison C. White (*1930) gilt allgemein als einer der Gründer und bedeutenden Vertreter der Netzwerktheorie. Er ist als Mathematiker und Soziologe ausgebildet. In vielen seiner Arbeiten hat er sich mit der Modellierung, mit der mathematischen Rekonstruktion von sozialen Netzwerken beschäftigt. Wie Niklas Luhmann betont White in seinen Arbeiten dabei die Eigenständigkeit dieser sozialen Realität. Das Soziale ist nicht reduzierbar auf Individuen. Es sind soziale Strukturen oder Netzwerke, die die Entwicklung von individuellen Identitäten erst ermöglichen. Die Arbeiten von White widmen sich der Analyse solcher sozialer Netzwerke. Wo, wann und wie verdichtet sich Interdependenz? Wo, wann und wie entstehen Kopplungen und Entkopplungen im sozialen Verkehr? Whites Analysen gehen davon aus, dass die sozialen Strukturen den Möglichkeitsraum bilden und kontrollieren, in dem Identität entstehen und sich entwickeln kann. "Identity and control" lautet entsprechend der Titel seines theoretischen Hauptwerkes, das 1992 erschienen ist. (mehr)
Niklas Luhmann (1927–1998) prägte die Universität Bielefeld wie kaum ein anderer. Seit 1968 Professor und Mitbegründer der Fakultät für Soziologie, entwickelte er hier seine bahnbrechende Systemtheorie, die die Soziologie und zahlreiche weitere Wissenschaftsbereiche nachhaltig beeinflusste. Sein Werk umfasste eine umfassende Theorie der modernen Gesellschaft und verband unterschiedlichste Disziplinen. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit nahm er auch öffentlich zu gesellschaftlichen Fragen Stellung. Luhmann erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter sieben Ehrendoktorwürden. Ein ausführliches Porträt von Niklas Luhmann hat Rudolf Stichweh anlässlich seines 70. Geburtstags verfasst.
An der Fakultät für Soziologie wird im Rahmen des von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste geförderten Langzeitprojekts "Niklas Luhmann – Theorie als Passion" der wissenschaftliche Nachlass Luhmanns gesichert, erschlossen und ediert. Zentrale Materialien – darunter der 90.000 Notizzettel umfassende Zettelkasten, Manuskripte und Korrespondenz – werden archiviert, digitalisiert und wissenschaftlich aufbereitet.
Ein digitales Informationsportal bietet Zugang zu diesen Materialien sowie ergänzende Inhalte wie Audio- und Videodokumente. Zudem erscheint eine mehrbändige Edition ausgewählter Schriften. Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebsite.