zum Hauptinhalt wechseln zum Hauptmenü wechseln zum Fußbereich wechseln Universität Bielefeld Play Search

Phi­lo­so­phie für die Öf­fent­lich­keit

Logo Community of Practice Public Humanities
Campus der Universität Bielefeld
© Uni­ver­si­tät Bie­le­feld

Wis­sen­schaft­lich wert­be­freit

Ein Kom­men­tar von Lea Ba­chus

Auf dem Bild sind leere Stuhlreihen in einem hell ausgeleuchteten Hörsaal zu sehen. An der hinteren Wand sind eine Uhr in der Mitte und zwei Türen zu den Seiten der Stuhlreihen zu erkennen.
Foto: Na­than Dum­lao / Uns­plash

Wenn man in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren durch das deut­sche Feuil­le­ton ge­blät­tert hat, so fühl­te sich das ein biss­chen an, wie dem Tisch­ge­spräch beim all­jähr­li­chen Fa­mi­li­en­tref­fen an den Fei­er­ta­gen bei­zu­woh­nen. Da tref­fen der kon­ser­va­ti­ve Onkel, die zwan­zig­jäh­ri­ge Cou­si­ne und der äl­te­re Bru­der auf­ein­an­der. Die Cou­si­ne ist nach Ber­lin ge­zo­gen, der Bru­der möch­te von sei­nem neuen Job er­zäh­len und alle wol­len ei­gent­lich nur ein schö­nes Fa­mi­li­en­fest fei­ern. Doch dann wird un­wei­ger­lich über die Ta­ges­schau vom vo­ri­gen Abend ge­spro­chen, und im Fa­mi­li­en­idyll ent­brennt im Ker­zen­schein eine hit­zi­ge Dis­kus­si­on. Und ir­gend­wann fällt der Satz „Das wird man ja wohl noch sagen dür­fen“ und die Mut­ter steht auf, um das Des­sert aus der Küche zu holen und damit die Ge­mü­ter zu be­ru­hi­gen.

Ähn­lich emo­tio­nal wird oft in den deut­schen Me­di­en dis­ku­tiert. Auch hier scheint bei ei­ni­gen die Sorge zu herr­schen, den Mund ver­bo­ten zu be­kom­men. Nur lei­der hilft in die­sem Fall kein selbst­ge­mach­tes Ti­ra­mi­su, um die Stim­mung zu ret­ten.

Wis­sen­schafts­frei­heit in Deutsch­land: Eine Be­stands­auf­nah­me

Ein Be­griff, der in die­sen De­bat­ten immer wie­der auf­taucht und mitt­ler­wei­le selbst zur Dis­kus­si­on steht, ist die so­ge­nann­te „Wis­sen­schafts­frei­heit“. Vor zwei Jah­ren grün­de­te sich das Netz­werk Wis­sen­schafts­frei­heit, dem in­zwi­schen mehr als 700 deutsch­spra­chi­ge Wis­sen­schaft­ler*innen an­ge­hö­ren. Ihr selbst­er­klär­tes Ziel ist es, „Frei­heit von For­schung und Lehre gegen ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Ein­schrän­kun­gen zu ver­tei­di­gen“. Par­al­lel wird auf Twit­ter von di­ver­sen Ac­counts vor Can­cel Cul­tu­re ge­warnt und im Feuil­le­ton geht es um ge­ziel­te An­grif­fe auf Pro­fes­sor*innen.

Fak­tisch ge­se­hen ist die Wis­sen­schafts­frei­heit in Deutsch­land als Grund­recht in der Ver­fas­sung ver­an­kert. Sie um­fasst dabei die in­halt­li­che und me­tho­di­sche Frei­heit von wis­sen­schaft­li­cher For­schung sowie dem Leh­ren und Ler­nen an den Hoch­schu­len. Dem­nach soll­te es in Deutsch­land also kei­nen Grund zur Sorge um die Frei­heit der Wis­sen­schaft geben. Auch der Aca­de­mic Free­dom Index, der einen Über­blick über den Stand der Wis­sen­schafts­frei­heit in über 170 Län­dern welt­weit gibt, at­tes­tiert Deutsch­land Best­no­ten. Wo kommt sie also her, die Angst vor der Be­dro­hung der Wis­sen­schafts­frei­heit?

Um das her­aus­zu­fin­den, müs­sen wir uns zu­nächst fra­gen, was hier ei­gent­lich unter Wis­sen­schafts­frei­heit ver­stan­den wird. Frei wovon soll die Wis­sen­schaft sein? Von Re­strik­tio­nen durch po­li­ti­sche Au­to­ri­tät, von Kri­tik durch Au­ßen­ste­hen­de, von mo­ra­li­schen Wer­ten? In sei­nem Ma­ni­fest spricht das Netz­werk Wis­sen­schafts­frei­heit von „mo­ra­li­schen und po­li­ti­schen Vor­be­hal­ten“, von „welt­an­schau­li­cher In­stru­men­ta­li­sie­rung“ und „Kon­for­mi­täts­druck“.

Von Wer­ten und Wert­lo­sig­keit

An die­ser De­bat­te ist aber vor allem er­kenn­bar: Wis­sen­schaft ist alles an­de­re als frei von (po­li­ti­schen und so­zia­len) Wer­ten. Der Be­griff der Wis­sen­schafts­frei­heit wird an die­ser Stel­le in­stru­men­ta­li­siert, um ein im Grun­de po­li­ti­sches Ziel zu er­rei­chen. Die die­sem Ziel zu­grun­de­lie­gen­den Werte wer­den hin­ge­gen nicht ex­pli­zit ge­macht. Unter dem Deck­man­tel der Frei­heit wird ein ein­ge­bil­de­tes Recht auf kri­tik­lo­se Äu­ße­rung ver­tei­digt.

Wis­sen­schaft und Werte sind aber un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft. Was wir brau­chen, ist also eine um­fas­sen­de Kri­tik die­ser Werte. Der deut­sche Phi­lo­soph und So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Robin Ce­li­ka­tes schreibt dazu ge­mein­sam mit Kol­leg*innen in einem Zeit-​Artikel 2021: „Wer hat die Macht, wes­sen Frei­heit mit wel­chen Mit­teln zu ver­tei­di­gen – und wes­sen Frei­heit und wel­che Wis­sen­schaf­ten blei­ben dabei auf der Stre­cke?“

Es gibt sie be­reits, diese Kri­tik. Die fe­mi­nis­ti­sche Stand­point Theo­ry von Autor*innen wie Donna Ha­ra­way und San­dra Har­ding zum Bei­spiel lie­fert dazu An­sät­ze. Sie ver­ste­hen das Er­lan­gen von Wis­sen vor allem als so­zia­len Pro­zess im Aus­tausch mit an­de­ren. Ent­spre­chend ist auch das er­lang­te Wis­sen (im­pli­zit) durch so­zia­le und mo­ra­li­sche Werte ge­kenn­zeich­net. Wich­tig ist zu hin­ter­fra­gen, aus wel­cher so­zia­len Po­si­ti­on her­aus die Wissen-​Schaffenden agie­ren. Denn, man­che Po­si­tio­nen in­ner­halb der Ge­sell­schaft sind bes­ser dazu ge­eig­net als an­de­re, be­stimm­te Arten von Wis­sen zu ge­ne­rie­ren.

Ein Bei­spiel: Einer Wis­sen­schaft­le­rin of Color wer­den ras­sis­ti­sche Vor­an­nah­men in einem For­schungs­pro­jekt eher auf­fal­len als an­de­ren Kol­leg*innen. Auf­grund ihrer so­zia­len Po­si­ti­on in einer durch Macht­struk­tu­ren und ras­sis­ti­schen Hier­ar­chien ge­präg­ten Ge­sell­schaft bringt sie ge­leb­tes Er­fah­rungs­wis­sen mit, das an­de­re nicht be­sit­zen. 

Aus wel­cher Po­si­ti­on her­aus agiert das Netz­werk Wis­sen­schafts­frei­heit? Es han­delt sich um zu­meist pro­mo­vier­te Wis­sen­schaft­ler*innen, der Groß­teil von ihnen aus­ge­stat­tet mit Pro­fes­su­ren und einer me­dia­len und aka­de­mi­schen Platt­form, die ihnen zu­hört. An­ders als in Län­dern, in denen Wis­sen­schaft­ler*innen um ihren Job oder gar um ihr Leben fürch­ten müs­sen, wenn sie sich kri­tisch ge­gen­über den Po­si­tio­nen der Herr­schen­den äu­ßern.

Wis­sen­schafts­frei­heit ist, eben­so wie Mei­nungs­frei­heit, nicht gleich­be­deu­tend mit der Frei­heit von Kri­tik und Kon­se­quen­zen als Re­ak­ti­on auf die ge­tä­tig­ten Aus­sa­gen. Um ihren Wert für un­se­re Ge­sell­schaft zu be­wah­ren, müs­sen wir Wis­sen­schafts­frei­heit als Grund­recht ernst neh­men, und den­noch kri­tisch hin­ter­fra­gen, wer sie für sich be­an­sprucht, und warum. Plu­ra­lis­mus in der aka­de­mi­schen und öf­fent­li­chen De­bat­ten­kul­tur zu for­dern, be­deu­tet auch aus­zu­hal­ten, wenn die Ge­gen­sei­te von die­ser For­de­rung Ge­brauch macht.

Quel­len

Ce­li­ka­tes, Robin, Ka­tha­ri­na Hoppe, Da­ni­el Loick, Mar­tin Non­hoff, Eva von Re­de­cker, Frie­der Vo­gel­mann. 2021. „Wis­sen­schafts­frei­heit, die wir mei­nen.“ Zeit On­line, 18. No­vem­ber 2021. https://www.zeit.de/2021/47/wissenschaftsfreiheit-​universitaeten-cancel-culture-kathleen-stock.

Ha­ra­way, Donna. 1988. “Si­tua­ted Know­led­ges: The Sci­ence Ques­ti­on in Fe­mi­nism and the Pri­vi­le­ge of Par­ti­al Per­spec­ti­ves.” Fe­mi­nist Stu­dies 14, no. 3: 575-​99.

Har­ding, San­dra. 1991. Whose Sci­ence? Whose Know­ledge?: Thin­king from Women's Lives. Itha­ca: Cor­nell Uni­ver­si­ty Press.


Zu­rück zur Über­sicht

Zum Seitenanfang
Auf dem Bild sind leere Stuhlreihen in einem hell ausgeleuchteten Hörsaal zu sehen. An der hinteren Wand sind eine Uhr in der Mitte und zwei Türen zu den Seiten der Stuhlreihen zu erkennen.
Foto: Na­than Dum­lao / Uns­plash

Datenschutzeinstellung

Diese Webseite verwendet Cookies und ähnliche Technologien. Einige davon sind essentiell, um die Funktionalität der Website zu gewährleisten, während andere uns helfen, die Website und Ihre Erfahrung zu verbessern. Falls Sie zustimmen, verwenden wir Cookies und Daten auch, um Ihre Interaktionen mit unserer Webseite zu messen. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit unter Datenschutzerklärung einsehen und mit der Wirkung für die Zukunft widerrufen. Auf der Seite finden Sie auch zusätzliche Informationen zu den verwendeten Cookies und Technologien.