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    Erfahrungsberichte aus der Universität Bielefeld

    © Universität Bielefeld

„Digitale Lehre gemeinsam reflektieren“

Die Arbeitsgruppe „Sprachliche Grundbildung“ der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Friederike Kern

© Lisa Vössing

„Anfang März standen wir wie die meisten anderen Dozierenden vor der Herausforderung, unsere Lehre auf digitale Formate umzustellen. Unsere Arbeitsgruppe in der Sprachlichen Grundbildung/Sprachdidaktik - bestehend aus mehreren Personen sowohl aus dem akademischen Mittelbau als auch aus den Reihen der Hochschullehrer*innen - stand auch bereits vor der Pandemie im regen Austausch über die Lehre. So haben wir uns zu Beginn des Sommersemesters dazu entschieden, diesen Austausch zu intensivieren und diese in weiten Teilen neuartige Form der Lehre (für eine Präsenzuniversität) reflexiv in den Blick zu nehmen und uns darüber zu verständigen. Wir haben daher kontinuierlich versucht, unsere eigenen Erfahrungen mit der Lehrsituation im gemeinsamen Austausch und individueller Dokumentation aufzubereiten. Neben regelmäßigen Treffen über Zoom verfasste jede*r von uns tagebuchähnliche Reflexionen zu den individuellen Erfahrungen im Kontext der digitalen Lehre, z.B. bezogen auf Zoom-Meetings, neue Prüfungsformate oder die Produktion von Lehrvideos.

Dabei orientieren wir uns an der methodischen Herangehensweise der Autoethnografie. Im Rahmen der Methode werden aus subjektiver Sicht individuell bedeutsame Erfahrungen zu einem prägnanten oder bedeutsamen Ereignis ausgewählt und aufgeschrieben. Anschließend werden die Aufzeichnungen näher analysiert und gebündelt, um wiederkehrende Muster identifizieren zu können. Dadurch konnten wir über anekdotische Erfahrungsberichte hinaus erkennen, welche Erfahrungen wir als Gruppe der Dozierenden im digitalen Kontext teilen. Konkret haben wir die Methodik angewandt, indem wir während des gesamten Semesters in einem gemeinsamen Dokument unsere Texte gesammelt und anschließend diskursiv interpretiert haben. Damit möchten wir dem 'blinden Fleck' im öffentlichen Diskurs zur digitalen Lehre begegnen, der darin besteht, dass oft ausschließlich die Studierenden oder die Beziehungen zwischen den Akteursgruppen in den Blick genommen bzw. Methoden, Chancen und Grenzen digitaler Lehre diskutiert werden. Es stehen allerdings selten die Praxiserfahrungen und die Sichtweise der Lehrenden selbst im Fokus.

In ersten Diskussionen über die Daten sind uns bereits wichtige Aspekte aufgefallen, die sich in allen Erfahrungsberichten widerspiegeln. Daraus resultiert die Feststellung, dass alltägliche und für alle Beteiligten sonst oft unbewusste Mechanismen des gegenseitigen Wahrnehmens (z.B. wechselseitige Verstehenssignale wie Nicken oder Blickkontakt) in ihrer Abwesenheit plötzlich bewusst werden und so eine Art 'Krise' auslösen. Es werden vielfach Versuche unternommen diese 'Krise' zu bewältigen, allerdings stehen hierfür keine routinierten Strategien zu Verfügung. Die 'Krise' zeigt sich ebenfalls in dem Versuch der Hochschullehrenden, stärker als zuvor im Rahmen der Präsenzlehre, die Sichtweise der Studierenden zu antizipieren, um Möglichkeiten zu finden mit den veränderten Bedingungen in der gegenseitigen Wahrnehmung umzugehen. Eine der wenigen Möglichkeiten, Wahrnehmung im digitalen Kontext nachzuvollziehen, sind digital vermittelte Reaktionen (z.B. Aufrufen von Lernvideos, Klicken von Emojis bei Zoom, Posten von Beiträgen im Chat), die eine allumfassende Wahrnehmung des Gegenübers jedoch nicht ersetzen können.

Unser Anliegen ist es, diese veränderten Strategien herauszuarbeiten und die Analysen interessierten Personenkreisen öffentlich zugänglich zu machen. Damit wollen wir zu einem multiperspektivischen Austausch in Bezug auf die neue Normalität der digitalen Hochschulkultur einladen.“